Stadtgeschichte

Nordenham:
Eine Stadt mit Vergangenheit und Zukunft

Lange vor der Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1908 begann die Verwandlung vom Bauernland zum Industriestandort

„Nordenham – 100 Jahre jung“: So lautete das Motto der Stadt im Jubiläumsjahr 2008. Der Slogan passte. Am 1. Mai 1908 erhielt Nordenham die Stadtrechte zugesprochen und hat sich seither beständig entwickelt und verändert. Die Stadt an der Weser ist gewachsen: sowohl was die Fläche, als auch was die Einwohnerzahl angeht. Wo Kühe grasten, stehen heute Wohnhäuser. Wo Ochsen verladen wurden verläuft nun ein Spazierweg. Entlang der Weser, der Lebensader Nordenhams, sind Industriebetriebe mit weltweiter Bedeutung entstanden.

Der Stadtgründer Wilhelm Müller in geselliger Runde

Der Nordenhamer Union-Pier

Aus einer ländlich geprägten Gemeinde wurde die größte und bedeutendste Stadt in der Wesermarsch. Nordenham und seine Bevölkerung erlebten Boomzeiten, aber auch Jahre des Elends und der Not. Stillstand jedoch – den gab es nicht in den vergangenen 100 Jahren. Auch deshalb wirkt die Jubilarin so jung und frisch.

Doch nicht erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckte der Mensch die Wesermarsch als Lebensraum. Dass das Uferland bei Einswarden bereits im ersten vorchristlichen Jahrhundert besiedelt wurde, haben Ausgrabungen im 20. Jahrhundert belegt. Später wurden die Marschensiedlungen verlassen. Erst im Mittelalter kam es zu neuen Gründungen. Wohl die älteste im Nordenhamer Stadtgebiet ist das über 1.200 Jahre alte Blexen.

Nordenham verdankt seine Existenz der Viehzucht und der Lage am Wasser. Die auf den fetten Weiden Butjadingens gemästeten Ochsen wurden als Lebendvieh per Schiff von Nordenham bis London und Kingston upon Hull transportiert, um die Nachfrage nach Frischfleisch in England zu stillen.

Großen Anteil am beginnenden Aufschwung hatte ein Mann, den die Nordenhamer gern als „Stadtgründer“ titulieren: Wilhelm Müller. Er starb aber bereits 1899, im Alter von 78 Jahren, erlebte also die Verleihung der Stadtrechte nicht mehr. Doch tatsächlich war der Atenser Kaufmann eine treibende Kraft hinter der Entwicklung zur Stadt. Der weitsichtige Unternehmer wollte die Viehausfuhr nach England im großen Stil betreiben und einen Anleger auf dem Groden vor dem Gut Nordenhamm bauen lassen. Mehrere an die Regierung des Landes Oldenburg gestellte Anträge wurden abgelehnt. Als Agent der Robinson-Schiffslinie sorgte Müller jedoch für die Verschiffung von Rindern und Schafen ab Großensiel. Seinen Plan, einen Anleger ein Stück weiter nördlich bauen zu lassen, verlor er aber nicht aus den Augen.

Blick auf die BahnhofstraßeDer Nordenhamer Marktplatz mit Rathaus

Als 1857 der Norddeutsche Lloyd gegründet wurde, der den Ausbau der Schiffsverbindungen nach Nordamerika und England zum Ziel hatte, schlug die Stunde des Kaufmanns. Er erhielt die Erlaubnis zum Bau eines Anlegers auf dem Groden; außerdem übernahm er die Lloyd-Agentur. Zum ersten Anleger, dem „Ochsenpier“, gesellte sich 1864 eine zweite Anlegebrücke für den Personenverkehr. Auf dem Deich ließ Wilhelm Müller die Gaststätte „Zum grauen Ochsen“ bauen.

Mit der Eröffnung der Bahnlinie Nordenham –Hude 1877 wurde die Müllersche Gaststätte zum Bahnhof. Rundum begann eine Siedlung zu wachsen. Der Viehexport wurde zwar bald eingestellt, stattdessen wurden Petroleum und Getreide eingeführt. Eines verlor Nordenhamm durch die Eisenbahn: Das zweite „m“. 1887 beim Schlichten eines Streits zwischen Bahn und Post verfügte die Oldenburgische Regierung, dass es ab sofort Nordenham zu heißen habe.

Von 1890 bis 1897 verlegte der Norddeutsche Lloyd die Abfahrten der Auswandererschiffe von Bremerhaven auf die andere Weserseite. Nordenham brachte das großen Wohlstand. Für weitere Betriebsamkeit sorgte die Gründung der Deutschen Dampffischereigesellschaft „Nordsee“ 1896. Es wurde ein Fischereihafen gebaut, der bis 1934 in Betrieb war und zahlreichen Menschen Arbeit bot. Nördlich davon ließen sich 1899 die Norddeutschen Seekabelwerke nieder. Auf Blexer Gebiet entstand 1905 die Frerichs-Werft, die bis zu 600 Arbeiter beschäftigte. Im selben Jahr übernahm die Midgard Deutsche Seeverkehrs AG die Pieranlagen. Die Superphosphat-Werke (Guano) und die Metallwerke Unterweser in Friedrich-August-Hütte nahmen die Produktion auf.

Die wirtschaftliche Entwicklung war so gut, dass sich die Honoratioren des Ortes wünschten, der Großherzog von Oldenburg möge sie zu Bürgern einer Stadt machen. Doch Nordenham zu einer Stadt I. Klasse zu erheben, damit konnte sich die Regierung in Oldenburg nicht anfreunden. Sie sah Nordenham mit seinen gut 6000 Einwohnern nicht in einer Kategorie mit der Residenz Oldenburg und der traditionsreichen Stadt Delmenhorst.

Für die Ernennung zu einer Stadt II. Klasse standen die Vorzeichen besser. Am 28. Februar 1908 ließ das Staatsministerium verlauten, dass die Landgemeinde Atens, wie der Ort immer noch offiziell hieß, vom 1. Mai an unter dem Namen Stadtgemeinde Nordenham zu einer Stadt II. Klasse erhoben werde. Dieser Tag wurde zu einem Festtag für die Nordenhamer/-innen und wurde von ihnen groß gefeiert.

Deichpromenade Richtung Bahnhof mit Gut NordenhammBahnhof Nordenham mit Butjenter Bahn

In den kommenden Jahren hatte die Stadt jährlich ein Steueraufkommen von etwa 150.000 Mark. Das Geld investierte sie in Schulen, den Straßenbau, elektrische Anlagen. 1910 wurde das Rathaus am Marktplatz gebaut. Es entstanden außerdem eine Gasanstalt, sowie eine Turnhalle, die den Namen des Turnvaters Jahn trug. Während die Gasanstalt längst nicht mehr existiert, ist aus der Jahnhalle ein Kultur- und Freizeitzentrum geworden.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs waren die guten Zeiten vorbei. Auch in Nordenham litt die Bevölkerung große Not. Nach dem Ende des Krieges besserte sich die Lage nur langsam. Dann kam die Inflationszeit. Wieder litt die Bevölkerung unter den Folgen. Viele Firmen kämpften ums Überleben. Die Steuereinnahmen brachen ein. Viele Handwerksbetriebe konnten sich nicht halten. Auch Großbetriebe wanderten ab oder meldeten Konkurs an. Schon 1925 kam nach nur sechsjährigem Bestehen das Ende für die Schiffswerft Oldenburg. 1934 zog sich die „Nordsee“ zurück. Die Frerichswerft schloss kurz darauf. Die Stadt musste in jenen Jahren große Summen für die Unterstützung der verarmten Bevölkerung aufbringen.

1933 ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Die Auswirkungen der Politik des Dritten Reichs waren auch in Nordenham zu spüren: Es gab für kurze Zeit auf der künstlichen Insel Langlütjen II ein Konzentrationslager; die jüdischen Einwohner der Stadt wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zusammengetrieben und abtransportiert; Kriegsgefangenenlager wurden errichtet, u. a. in Blexen an der Papenkuhle. Am 15. Mai 1933 wurde die Eingemeindung Blexens beschlossen. Damit vergrößerte die Stadt ihre Fläche auf fast 42 Quadratkilometer, die Zahl der Einwohner/-innen stieg auf rund 15.000.

Butjadinger BahnDie Gateteich-Anlage

1935 begann auf dem Gelände der ehemaligen Frerichswerft in Einswarden die „Weserflug“ mit dem Flugzeugbau. „Weserflug“ zog 1938 auch auf der Fläche der Schiffswerft Oldenburg ein.

Die Stadt selbst blieb während des Zweiten Weltkrieges von Zerstörungen weitgehend verschont. Im Juni 1944 starben 68 Menschen bei einem Bombenangriff, der vor allem die Fulda- und die Werrastraße sowie einige Häuser in der Innenstadt traf.

Am 6. Mai 1945 marschierten kanadische Truppen ein. Sie wurden bald von amerikanischen Besatzern abgelöst. Diese nutzten die „Weserflug“-Hallen in Nordenham und Einswarden als Nachschubdepot. Ab 1946 stand Nordenham unter britischer Militärverwaltung. In jenem Jahr wuchs die Bevölkerung stark: Vor allem aus Schlesien kamen Vertriebene, von denen viele an der Unterweser eine neue Heimat finden sollten. Nordenham hatte nun mehr als 28.000 Einwohner.

Für die Menschen fehlte es an Wohnraum und Arbeit. Ende 1948 zählte Nordenham 4.000 Arbeitslose. Bald verbesserte sich aber die Lage. Felten & Guilleaume ließ sich in den ehemaligen „Weserflug“-Hallen in Nordenham nieder. Die Kamerafabrik Vredeborch machte gute Geschäfte. Auch bei den anderen Industriebetrieben zog wieder Leben ein. 1956 kehrte der Flugzeugbau nach Einswarden zurück. Das dortige Airbus-Werkbeschäftigte in Boomzeiten mehr als 2.200 Menschen. Das Werk soll nun aus dem Airbus-Verbund ausgegliedert werden. Derzeit wird mit der Bremer OHB-Gruppe über einen Verkauf verhandelt.

Das Wirtschaftswunder bescherte auch der Stadt Nordenham rosige Zeiten. An diese optimistische Ära erinnert das heutige Rathaus, das 1953 gebaut wurde, ebenso wie der Sportplatz am Plaatweg. Die Industriearbeitsplätze zogen weitere Zuwanderer an. Ende der 1950er Jahre begann der Zuzug von „Gastarbeitern“, wie man die Arbeitskräfte aus Südeuropa nannte. In den 1960er und 1970er Jahren ließen sich vor allem Türken in Nordenham nieder. Die letzten großen Betriebsniederlassungen waren 1969 die Eröffnung des Kronos-Titan-Zweigwerks in Blexen und 1971 die Gründung der Firma Asbestos in Einswarden.

Busbahnhof an der JahnstraßeDie alte Friedeburg

1973 vergrößerte sich die Stadt noch einmal. Die Gebietsreform brachte Ellwürden, Abbehausen und Esenshamm zu Nordenham. Die Einwohnerzahl erreichte ihren Höhepunkt mit fast 31.200 Menschen. Heute sind es noch gut 27.000 Einwohner.

In der Zeit der Ölkrise ging die Zahl der Arbeitsplätze zurück. Das Asbestos-Werk produzierte nur bis 1984. Heute wird das Gelände mit all den Anlagen von der Rhenus-Midgard genutzt. Die Guano-Werke gibt es seit 1988 nicht mehr. Der Dockbaubetrieb der Gutehoffnungshütte in Blexen wurde 1990 stillgelegt. Das Gelände liegt seither brach. Auch Felten & Guilleaume hat den Betrieb eingestellt. Auf dem Gelände haben sich aber zwischenzeitlich andere namhafte Betriebe angesiedelt: ATB-Motorentechnik, NKT Cables, Moeller-Schutzschalter und Albers-Logistik.

In guten wie in schlechten Jahren blickte Nordenham aber stets nach vorn. In den 1980er Jahren begann man, der Innenstadt ein modernes Gepräge zu geben. Die Fußgängerzone und der Marktplatz verleihen Nordenham nun ein attraktives Zentrum. Weitere Projekte folgten. Nur wenige Städte von der Größe Nordenhams dürfen sich eines so komfortablen Bades rühmen, wie es das Freizeitbad „Störtebeker“ ist.

Die Stadt hat Konzepte entwickelt, die der Region im 21. Jahrhundert so gute Zeiten bescheren sollen, wie sie sie im 20. Jahrhundert mitunter erlebte. Wer sich umschaut, zum Beispiel an der Strandpromenade oder im Sanierungsgebiet in Einswarden, kann es sehen: Diese Stadt hat nicht nur Vergangenheit, sie hat auch Zukunft.

Ellen Reim – Nordenham, im März 2008

Festakt 100 Jahre Stadt Nordenham (02.05.2008)


Copyright: RadioWeser.TV, Studio Nordenham


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